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Kunst am/im Bau - Martin Bruno Schmids architektonisch-künstlerische Interventionen

„Mein künstlerisches Material? Der Ort und die Architektur. Damit arbeite ich.“ (Martin Bruno Schmid)

Der Begriff „Kunst am Bau“ ist eigentlich eine Verharmlosung, wenn es um die Arbeiten von Martin Bruno Schmid geht. Denn die Werke des Stuttgarter Künstlers sind keine additiven, reversiblen Applikationen, sondern manifestieren sich als bleibende Eingriffe in die Materie von Architektur. Seine Interventionen begnügen sich nicht mit der Bespielung von Bauwerken und Oberflächen, sondern greifen chirurgisch-operativ in die Substanz ein. Aus den jeweiligen Gebäuden heraus entwickelt, von diesen inspiriert und explizit für diese konzipiert, erweisen sich Schmids Interaktionen als einzigartige Verflechtungen von Kunst und Architektur. Auf dieser und den folgenden Seiten stellen wir vier realisierte Arbeiten in Villingen-Schwenningen, Stuttgart, Ahlen und Schopfheim sowie ein Projekt für Berlin vor.

The German expression Kunst am Bau actually plays down the works by Martin Bruno Schmid. This is because the works by the Stuttgart artist are not simply additive, reversi- ble decorations but manifest themselves as lasting interventions into the matter of the architectural substance as such. His interventions are not satisfied with merely decorating buildings and surfaces but affect the building stock almost like a surgery. Developed based on the respective buildings, inspired by them and design explicitly for each different building, Schmid’s interactions turn out to be unique interlinkages of art and architecture. On this and the following pages, we present you four already finished works in Villingen-Schwenningen, Stuttgart, Ahlen and Schopfheim as well as a future project for the Berlin Palace.

AIT 12.2019

Energie und Masse - oder fast nichts

Zum Werk von Martin Bruno Schmid

Durchgebohrt, abgeschliffen, auseinandergesägt: In den Werken von Martin Bruno Schmid birst die Materie. Das ist laut, kräftezehrend und erzeugt ziemlich viel Staub. Physikalisch betrachtet trifft in seinen künstlerischen Arbeitsprozessen Energie auf Masse – ein Aufeinandertreffen von zwei Größen, die sich gegenseitig nicht nur bedingen, sondern auf gewisse Weise sogar entsprechen. Ihre Äquivalenz ist seit Einstein bewiesen, und mit der Umwandlung von Energie in Masse auch das Entstehen unseres Universums. Auf diesem Zusammenhang basiert die Grundlage unseres Lebens.

Wenn Martin Bruno Schmid seine schweren Geräte unter massivem Kraftaufwand einsetzt, dann spielt er mit diesen Ereignisgrößen, dann wird Energie zu sensibler Materie – oder zu fast nichts. Energie ist Schmids künstlerisches Instrument, mit ihr bearbeitet er die vorhandene Masse und versetzt sie in neue Aggregatzustände. Erst durch das Zerstören eines scheinbar intakten Zustands wird die potentielle Beschaffenheit eines Materials offengelegt, seine wandelbare Form, Statik und Oberfläche, die vorher im Verborgenen schlummerte. Dieser Gestaltwandel zwingt zu genauer Betrachtung, und mit ihr auch zu einer Infragestellung der bekannten Objekte, ihrer vertrauten Materialien und Strukturen, vom kleinen Papierformat bis zur monumentalen Betonwand. In den wenigsten Fällen fügt er künstlerisches Material hinzu, meist trägt er ab, verändert, nimmt auseinander oder entfernt. Für einen Bildhauer mag dies ein durchaus geläufiges Prozedere sein, in Martin Bruno Schmids spezieller Synthese von Radikalität und Feinsinn ist es jedoch von außergewöhnlicher Eindringlichkeit.

Papierarbeiten
Zu den frühesten Arbeiten des Künstlers, an denen er seit 1996 bis heute arbeitet, gehört die Serie Facepeelings: Hochglanz-Magazine, denen er ihr wichtigstes Aushängeschild nimmt: Die Titelseite. Die schimmernden Drucke posierender Models, Luxus-Sportwagen oder millionenschwerer Yachten zerfallen unter seiner Schleifmaschine zu Staub und legen ihre Trägerpapiere frei: Weiße, schlichte Flächen, sichtlich mitgenommen, eingedellt, manchmal angerissen und mit Farb- und Fotospuren der darüber- und darunter liegenden Papierschichten. Der Lack ist ab. Und doch – eine neue Aura entsteht: Denn erst das fehlende Cover weckt die Fragen, aktiviert die Imagination des Betrachters: Was liegt darunter? Womit haben wir es hier zu tun? Der Angriff mit einer kreischenden Schleifmaschine auf die intakte Eleganz und das mutwillige Abtragen ihres teuer schimmernden Antlitzes ist mehr als brutal – übrig bleibt ein gesichtsloses Objekt, dessen rabiate Bearbeitungsspuren seine Verletzlichkeit offenbaren. Allein die erhaltenen, bunten Rücken der geschlossenen Zeitschriften lassen auf ihre Inhalte schließen. Und ihnen kommt in der Präsentation dieser Arbeiten eine künstlerisch elementare Funktion zu, erzeugen die farbigen Schatten ihrer langen Streifen doch ein lichthaltiges Fluidum, das auf die scheinbar kostbaren Inhalte der Hefte verweist. Die abgeschliffenen Magazine werden in ihrer kompakten, dreidimensionalen Form zu minimalistischen Objekten, die ihren reichen und bunten Inhalt wie in einer Zeitkapsel bewahren.

Der ironische Titel dieser Arbeiten zeigt bereits einige wesentliche Charakteristika im Werk von Martin Bruno Schmid. Da ist einmal ein leiser, auf tiefem Ernst basierender Humor – das Facepeeling als kosmetisches Verfahren für eine reine und makellose Haut wird hier in sein Gegenteil verkehrt: Falten und Flecken werden produziert statt entfernt, die Schönheit und der Glanz vernichtet statt gepflegt. Gleichzeitig spielt der Titel nicht nur auf die abgebildeten Gesichter der Schönheiten auf den Titelseiten an, sondern das Papiermaterial selbst wird als Haut charakterisiert, als lebendiges Organ, das durch den Künstler „behandelt“ wird. Der Vergleich von Papier und Haut liegt nahe, sind doch beide dehn- und formbare Membrane, die beschrieben und bezeichnet werden können. Außerdem ersetzte Papier im Mittelalter das aus Tierhaut bestehende Pergament, das über Jahrhunderte für Handschriften und Buchmalerei verwendet wurde. Beides, Haut und Papier sind sowohl zäh und fragil, und beide sind in hohem Maße lichtempfindlich. Und so lässt uns die Verletzung von Papier, sein Zerreißen, Verknittern oder Bekratzen auch meist nicht kalt, da wir im Hinterkopf – bewusst oder unbewusst – dabei die Assoziation mit unserer Haut nicht ausschließen können.

Martin Bruno Schmid geht aber noch einen Schritt weiter: Nachdem er in seiner Werkgruppe der Bohrstücke weiß gestrichene Gipskartonplatten so lange mit seiner Bohrmaschine bearbeitete, dass die Platte fast zerbrochen wäre, wandte er dieses Verfahren auch in seinen Papierarbeiten an: In den Bohrzeichnungen perforierte der Künstler große Papierbögen mit einem spitzen Stift unzählige Male, bis das Material kurz vor dem Zerfall war. Während die Gipskartonplatten jedoch ihre feste Form behalten, dehnt und kräuselt sich das Papier in unvorhergesehene Richtungen und erschafft aus sich selbst heraus ein vom Künstler nur bedingt formbares Relief. Auf dem Trägerkarton der großformatigen Rahmen hängt es in Fetzen herab, die Reste seiner selbst als kostbare Relikte hinter Glas geschützt. In seinen Torsionen scheint sich das weiche Faservlies gegen seine gewaltsame Behandlung zu sträuben, aufzubäumen und zu neuer Materie zu verwandeln. Besonders eindrücklich ist diese materielle Wandlung in den Arbeiten mit aluminiumbedampften Papieren: Das aufgebrochene Material scheint flüssig geworden und erstarrt zu sein, eingefroren im Fluss – kondensierte Materie. Eine Gegenüberstellung von unbearbeitetem und künstlerisch traktiertem Material verdeutlicht die kleinformatige Serie Bleistiftspitze in Papier, in der Martin Bruno Schmid die intakte, glatte Papierfläche mit dem unmittelbar angrenzenden Relief kontrastiert, das durch ein vielfaches Be- und Durchstoßen mit der Bleistiftspitze entstand. Auf handelsüblichen DIN A4-Blättern unterschiedlicher Art – Millimeterpapier, kariert oder farbig – feiert er die Schönheit beider Flächen: Die reine, klare, unberührte Ebene, die dem Auge kein Hindernis bietet, und die schroffe, lädierte, zerfetzte andere Masse, die uns zeigt, was noch in diesem Material steckt. Beide Hälften bilden immer noch ein Ganzes, die Grundsubstanz ist ein und dieselbe, doch zeigt sie sich einmal ohne den Einfluss physikalischer Energie und einmal mit ihr.

Regelwidriges
In seinen großformatigen, architekturbezogenen Arbeiten ist die vorgenommene Materialveränderung weitaus weniger sichtbar als in den Papierarbeiten. In ihrer räumlichen Wirkung jedoch steigern diese Werke die Anteilnahme der Betrachter, befinden sie sich doch nicht nur vor den Wandobjekten, sondern sind von ihnen umgeben und werden so körperlich spürbar ein Teil von ihnen.
Eine leise und erneut durchaus ironische Arbeit entwarf Martin Bruno Schmid 2013 für die Hochschule für Technik in Stuttgart. Hier nutzte er die Löcher im Sichtbeton, die als Abdrücke der Schalungsanker meist unvermeidbar und als offengelegte technische Spuren bei Architekten durchaus erwünscht sind. Ihr gleichmäßig angeordnetes Muster erweckt den Eindruck von wohlgeordneter, regelgerechter und damit auch sicherer, stabiler Architektur. Diesen vertrauten Eindruck unterlief der Künstler, indem er zusätzliche, frei über die Wände verteilte Schalungslöcher hinzufügte, bar jeder logischen oder technischen Voraussetzung. Auf den ersten Blick fällt diese künstlerische Intervention gar nicht auf, erst der wache Betrachter der ihn umgebenden Architektur wird diese merkwürdige Anordnung der Vertiefungen wahrnehmen, die sich einem orthogonalen Muster entziehen. Eine kleine Verwirrung wird eintreten, die zu einer größeren Verunsicherung führen kann: Wenn diese kleinen Schalungslöcher nicht mehr an der erwarteten Stelle sitzen, was ist dann mit dem Gebäude los? Waren hier etwa Nachbesserungen notwendig? Falls dies der Fall war, was bedeutet dies für das Gebäude? Ist seine Statik noch in Ordnung? Bin ich hier sicher? Für eine technische Hochschule ein mehr als „konstruktiver“, augenzwinkernder Kommentar.

Eine im Ansatz verwandte, in ihrer Wirkung jedoch gänzlich andere Arbeit erfolgte ein Jahr später im neuen Gebäude der Industrie- und Handelskammer in Schopfheim. Hier wird besonders deutlich, dass die Spuren der analogen Handarbeit, ihre Unregelmäßigkeiten und Fehler dem Künstler auch und gerade in der Nutzung maschineller Geräte wichtig sind. So reizten ihn die regelmäßigen Strukturen von standardisierten Akustiklochdecken dazu, selbst so viele Löcher hinzuzufügen, dass die Platten maximal gefüllt waren. Unter dem ironischen Titel Akustikplatten, noch leiser gebohrt entstand zunächst eine Werkreihe von Wandarbeiten, die im großen Format über einen ganzen Raum ausgedehnt wurde: Der Künstler versah eine bereits installierte Decke mit unregelmäßig gesetzten Bohrlöchern und schuf damit die gleiche schalldämpfende Wirkung, wie sie im Untergeschoss von einer industriell hergestellten Akustikdecke garantiert wurde. Eine über die Maßen unauffällige Intervention im Raum, die sich erneut nur dem aufmerksamen Betrachter offenbart, sollte dieser seinen Blick – vielleicht in Gedanken – einmal in die Höhe schweifen lassen.

Mit Energie, Material, Raum, Zeit und Schall sind die Themen jedoch noch nicht erschöpft, die Martin Bruno Schmid durch seinen Einsatz mit der Bohrmaschine als künstlerischem Werkzeug aufwirft. In den im Gemäldeformat gearbeiteten Ausbohrungen thematisiert er das Phänomen, das dieses Gerät in erster Linie erzeugt: ein Loch, eine Leerstelle, ein Nichts. Aluminium- oder Holzrahmen werden an ihren Rändern entlang mit der Bohrmaschine so bearbeitet, dass sie ihren Innenbereich, ihre Füllung, ihr „Bild“ verlieren. Sie zeigen fast nichts und werfen damit den Betrachter auf sich selbst zurück. Sein Blick wandert an den aufgebohrten Kanten entlang und spürt der Energie des sich drehenden, das Material durchdringenden Gerätes nach. Unweigerlich wird seine Vorstellungskraft angeregt: Wie sah die Platte vor ihrer Bearbeitung aus? Was kann ich in den Rahmen hinein imaginieren? Was passiert mit dem Nichts, wenn es gerahmt wird? Wird es dann zu Etwas? Die Energie des sich drehenden Bohrers bleibt nicht auf die sichtbaren Spuren im Material beschränkt, sondern breitet sich unsichtbar im Raum aus. Das Nichts wird zur ungesehenen, doch spürbaren Masse.

Prekäre Statik
Von beeindruckender Radikalität sind Martin Bruno Schmids massive Eingriffe in Architekturen, deren Statik sie aufs Äußerste herausfordern. 2011 sägte er in einem Neubau der Hochschule von Furtwangen in eine tragende Stahlbetonwand einen Kreis und löste damit ein rundes, über vier Tonnen schweres Wandstück aus dem Gebäude. Dieses wurde um ein Weniges gedreht und mit seinem zentralen Bohrloch wieder in die Wand eingesetzt – das regelmäßige Betonraster geriet „aus den Fugen“, und die „Uhr“ zeigt nun fünf nach zwölf. Denn dieser optisch zwar geringe, in seinem Kraftaufwand und seiner statischen Herausforderung jedoch erhebliche Eingriff in das Gebäude suggeriert eben auch das stark abstrahierte Bild eines runden Ziffernblatts, das in seinem architektonischen Kontext von sehr sinnfälliger Bedeutung ist: Die Ursprünge der Hochschule in Furtwangen liegen in der ersten deutschen Uhrmacherschule, die Mitte des 19. Jahrhunderts dort gegründet wurde, denn seit langer Zeit prägt die im Schwarzwald beheimatete Uhrenindustrie diese kleine Stadt. So ist dort auch das Deutsche Uhrenmuseum mit seiner herausragenden Sammlung Teil des heutigen, hochmodernen Hochschulkomplexes. Dass der Künstler die Uhr auf fünf nach zwölf stellt – schelmischer Wink oder dystopischer Hintergedanke?

Noch gewagter in der Bearbeitung ist der Eingriff des Künstlers im Geologie- und Umweltzentrum der Universität Tübingen. Der Eingangsbereich des Gebäudes wird von fünf Stahlbetonstützen getragen, die Martin Bruno Schmid der Länge nach aufsägen ließ und damit ihre Statik aufs Äußerste strapazierte. Hier war die exakte Berechnung von Fachleuten vonnöten, um das Gebäude nicht einstürzen zu lassen. Und auch hier sind die künstlerischen Maßnahmen nicht sofort sichtbar. Blickt der Betrachter jedoch genau hin und nimmt seine Umgebung aufmerksam wahr, dann wird er sie anschließend wohl (an)gespannter erleben als zuvor. Die Betonkerne der das Sägen vorbereitenden Querbohrungen liegen im Boden des Foyers unter einer begehbaren Glasplatte. Den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des Gebäudes sind Bohrkerne wie diese als elementare Bestandteile ihrer eigenen Untersuchungsmethoden mehr als geläufig – dass diese jedoch aus den tragenden Pfeilern der sie umgebenden Architektur stammen, erschließt sich ihnen dagegen nicht sogleich…

Lob der Bohrung
Bohrlöcher sind eine Initialzündung im Werk von Martin Bruno Schmid. Anschaulich erzählt er im Interview mit Hubert Schwarz von einem vergessenen und unverputzten Dübel-Loch vor vielen Jahren in seiner Wohnung, das seinen künstlerischen Ehrgeiz weckte. Die eigenwillige Mischung aus einer Befestigungsspur vergangener und verschwundener Ausstattungsgegenstände und der Durchdringung von Mauerwerk, die auch Dahinterliegendes freilegt, fasziniert den Künstler bis heute. 2012 bohrte er in der Greifswalder Galerie Schwarz Löcher in die Wände und ließ den herausrieselnden Staub auf der weißen Wand haften. Darüber befestigte er durchsichtige Glasscheiben, die den Arbeitsspuren sowohl Schutz als auch den Anschein von etwas Kostbarem verliehen. Die Löcher waren hier ja auch nicht in ihrer technischen Funktion als Bedingung für eine Halterung gebohrt worden, sondern zweckfrei als künstlerische Setzung geschaffen, die dem Betrachter erst auf den ästhetischen Wert dieser Arbeitsspuren aufmerksam machte und ihre Schönheit manifestierte. Der Titel Wall-Tattoos suggeriert eine bleibende, einer Tätowierung auf der Haut – hier wird auch die Wand zur Haut! – ähnelnden Zeichnung und hebt die temporären Arbeitsspuren in eine bleibende Zeitlichkeit. Zudem weist der dunkle Staub aus der Wand über seine zeichenhaften Bilder hinaus auf eine weiterreichende Dimension in Raum und Zeit, die ohne Schmids Bohrlöcher unsichtbar geblieben wäre.

In seinem Entwurf für das Humboldt Forum im Berliner Schloss kehrte der Künstler zu den Bohrlöchern zurück. Doch kann es in diesem rekonstruierenden Neubau keine historische Wand sein, deren aufgebohrter Staub Vergangenes evoziert. Hier wollte der Künstler ausnahmsweise nicht nur Material abtragen, sondern auch hinzufügen. Den Wänden dieses umstrittenen Gebäudes, das die monarchische Vergangenheit Preußens wiederaufleben lässt, sollten 64 handgefertigte Dübel aus purem Gold eingefügt werden – Dübel ohne technische Funktion, sie halten nichts, abgesehen vom aufmerksamen Blick des Betrachters, der über die weiße Wand gleitet und an einem kleinen störenden Punkt stehen bleibt. Fällt das Licht aus dem richtigen Winkel, reflektiert das Edelmetall und irritiert dadurch zusätzlich. Dübel aus Gold – das Feld der Assoziationen reicht weit: Prunk und Pracht der Könige von Preußen und Kaiser des deutschen Reiches, Zerstörung und Wiederaufbau, die Frage, was hält, was haltbar ist, was kostbar und erhaltungswürdig, was unwiederbringlich verloren und was mit unangemessenen Mitteln bewahrt werden sollte? Ein kleines Bauteil aus der Verbindungstechnik, das übersehen werden kann, das aber, wenn man es sieht, umfassende Fragen zur Menschheitsgeschichte in sich trägt – und nichts weniger wird im Berliner Humboldt Forum diskutiert. So wird fast nichts zu fast allem.

Dorit Schäfer
Text zum Katalog ‚Fast Nichts’, Arnoldsche Art Publishers, 2022

Bodenständiger Minimalismus

„Ich mache nicht aus Selbstzweck Löcher. Für mich ist das Löcher bohren auch eine Möglichkeit, hinter die Dinge zu schauen“ (Martin Bruno Schmid)

Martin Bruno Schmids Werk steht auf den ersten Blick in der Tradition der formalistischen Moderne. Wie andere Künstler seiner Generation greift der in Baden-Württemberg ansässige Künstler den minimalistisch-konkreten Formenkanon jedoch auf und aktualisiert diesen auf ganz eigenständige Art und Weise für die Gegenwart.
Noch während seines Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart entsteht die Werkreihe Facepeelings. Für diese schmirgelt Martin Bruno Schmid Cover von Mode-, Lifestyle und Kunstmagazinen so lange ab, bis eine weiße samtige Oberfläche zum Vorschein kommt. Das bunte Hochglanzmagazin wird auf diese Art und Weise durch Handarbeit in ein hermetisches Minimal-Artefakt transformiert, das den Betrachter dazu auffordert, sich auf die eigenen innere Bilder zu besinnen, anstatt sich an den massenhaft verbreiteten kommerziellen Bildwelten zu orientieren.
Alleinstellungsmerkmal der Bilder, die Martin Bruno Schmid im Zuge seiner weiteren künstlerischen Entwicklung kreiert, ist die Wahl seines bodenständigen Werkzeuges. So fertigt Schmid Wandbilder, sogenannte Bohrstücke, nicht mit Pinsel und Farbe, sondern mittels einer Bohrmaschine, mit der er die Oberfläche des Bildträgers in der Tradition der formalistischen Malerei selbst zum Thema macht, indem er sie perforiert. Durch die unregelmäßig gesetzten Bohrungen entstehen geometrische Formen, Kreise, Vierecke oder Muster, die den Bildträger bzw. die Wand organisch verlebendigen.
Mit den Jahren werden die Arbeiten von Martin Bruno Schmid dann im wahrsten Sinne des Wortes „raumgreifender“ und der Künstler „aktiviert“ nicht nur Wände bzw. Decken von Innenräumen sondern ganze Gebäude, die er im Rahmen von Kunst-am-Bau-Aufträgen auf die unterschiedlichste Art und Weise künstlerisch auflädt.
Für überregionales Aufsehen sorgte im Jahr 2017 beispielsweise sein Plan, im Zuge eines gewonnen Kunst-am-Bau-Wettbewerbes die tragenden Stahlbetonsäulen im Foyer des neuen Geo- und Umweltzentrums der Universität Tübingen jeweils der Länge nach aufzuschlitzen. Ein Eingriff, der zwar ephemer, aber von großer Wirkung ist. Entsteht bei den Besuchern, die die Schlitze wahrnehmen, doch ein Gefühl von Verunsicherung und nicht zuletzt vielleicht auch ein Bewusstsein für die Labilität der Natur, die in diesem Haus erforscht wird.
Mit dem Wettbewerbsbeitrag Fond (Goldgrund) wurde ein Entwurf des Künstlers mit dem ersten Preis ausgezeichnet, der nicht Kunst am Bau sondern im wahrsten Sinne des Wortes Kunst im Bau ist. So sollen im Rahmen dieses Projektes im Foyer des Humboldt Forums im Berliner Schlosses 64 handgearbeitete Dübel-Objekte aus reinem Gold so in die Wände des Auditoriums eingemauert und verankert werden, dass für den Betrachter nur noch die kreisrunde Oberfläche als minimalistische goldene Setzung sichtbar ist. Eine Arbeit, die das Argument der Politik, dass Kunst und Kultur eine Investition in die Zukunft sei beim Wort nimmt und nicht zuletzt im Sinne der Humboldt-Brüder ist, da es High and Low auf überzeugende Art und Weise in einem Werk vereint.

Dr. Nicole Fritz,
Direktorin der Kunsthalle Tübingen
In: ARTMAPP, Ausgabe Nov2018/Feb2019

DIE FRAGE NACH DEM VORHANDENEN

Das Gefühl durch eine Wand gehen zu können, gleicht dem ebenso absurden Gedanken, auf dem Grund des Meeres stehen zu können. Letztendlich sind sie doch beide möglich, wenn zwei Dinge befolgt werden: Die Wegnahme von materieller Substanz und die gedankliche Vorstellung dieses Weggenommenen. Ohne die Vorstellung des (fehlenden) Meeres wäre nämlich sein Grund nur eine gigantische Fläche aus Schlick und Würmern. Denn die Präsenz des Meeresgrunds wird allein durch die Bewusstmachung der Absenz des Meeres zu einem erhabenen Moment.
Als Martin Bruno Schmid 2005 im Kunstverein Ahlen eine Ausstellungswand entfernt, bedient er sich genau diesen Prinzips. So kann das Wegnehmen durchaus eine Form des Hinzufügens werden , indem es Dinge offenbart und ermöglicht, die vorher übersehen wurden oder schlichtweg unmöglich waren zu sehen oder zu tun. Martin Bruno Schmids Démolition d'un mur ist ein solches hinzufügendes Wegnehmen. Hat man doch nun die Möglichkeit die Ausstellungsräume als ein Ganzes wahrzunehmen, Veränderungen in der Lichtwirkung zu beobachten und vor allem die vorher dagewesene Schwelle zwischen beiden Räumen nun mit Leichtigkeit zu übertreten. Es sind aber nicht nur die sichtbaren Veränderungen oder die bloße Wegnahme der Mauer, die zu diesem neuen Raumgefühl beisteuern, sondern die gedankliche Verknüpfung von der neuen mit der alten Raumsituation. So wie der Meeresgrund die Vorstellung von Meer braucht, um mehr als Schlick zu sein, benötigt der Kunstverein Ahlen die imaginierte Mauer, um deren Abwesenheit wirkungsvoll zu präsentieren. Doch diese Gedankenverbindung passiert in der Kunst ganz automatisch, denn dort ist laut Samuel Beckett „das Nichtgesagte das Licht des Gesagten und jede Präsenz zugleich Absenz.“
Auch in TONDO ist diese gedankliche Brücke zum Davorgewesenen der ausschlaggebende Punkt für eine neue Wahrnehmung des Raums. Hier ist es allerdings nicht die Wegnahme des Materials, die eine Irritation verursacht, sondern lediglich das Belassen desselben. So ist ein weitaus geringer erscheinender Eingriff nicht weniger wirkungsvoll. Denn auch wenn die Veränderung sich auf den ersten Blick unwesentlich gibt, bewirkt der kreisrund ausgeschnittene, mitsamt den Fugenverläufen leicht gedrehte Teil einer Sichtbetonwand eine nicht unwesentliche Verwirrung. Während sich also bei Démolition d'un mur die Vorstellung von dem, was man nicht mehr sieht mit dem verbindet, was man sieht, verknüpft sich bei TONDO die Vorstellung, von dem, was man erwartet hat mit dem Unerwarteten, welches man tatsächlich vorfindet.
Ebenso definieren sich Martin Bruno Schmid Bohrstücke durch die Wegnahme von Material: Farbnuancen, Komposition und Rhythmisierung der Bildfläche entstehen alleine durch unzählige Bohrlöcher. So wird paradoxerweise der anfangs planen Rigipsplatte erst durch ein Entfernen ihr Erscheinungsbild hinzugefügt. Auch auf die face peelings trifft das zu. Daher erinnern die abgeschliffenen Titelblätter der Modemagazine nicht nur äußerlich an Robert Rymans Malerei: Von der Illusion einer vermeintlichen Schönheit entledigt, können sie nun reale Schönheit im Kern der Sache – dem Material an sich – finden. So verleiht die Wegnahme der Illusion dem bleibenden Rest die nötige Präsenz, um für sich alleine zu stehen. Auf dem beinahe marmorhaft anmutenden face peeling (Vogue) bleibt ein angenehmes Nichts zurück, das gerade in der gedanklichen Verknüpfung mit dem möglichen Bild des abgeschmirgelten Titelblatts seine Berechtigung erhält.
Martin Bruno Schmid nimmt die beiden Formen des Sehens also nicht einfach nur zur Kenntnis. Er verbindet das äußere (retinale) mit dem inneren (vorstellenden) Auge, indem beide gleichzeitig aktiv werden. Bei Démolition d'un mur, TONDO oder den face peelings passiert dies im Moment des Betrachtens. Bei Linie, einem raumeinnehmenden Spiegel mit länglich aufgebahrten Bohrstaub aus vorangegangenen künstlerischen Eingriffen, muss die Materialbeschreibung die nötige Verknüpfung zum inneren Auge leisten. Es mag daher keine gewollte direkte Verbindung zu Karin Sanders Zeigen. Eine Audiotour durch Baden-Württemberg geben. Doch es ist bezeichnend, dass Martin Bruno Schmid Teil einer Arbeit wurde, die die Konfrontation mit der Leere sucht, um so die Präsenz des Nicht-(Mehr-)Vorhandenen in Erinnerung zu rufen.

Nicola Höllwarth
Katalogtext, in: "Und Meese?", 2014

ABRISS

Zerlegen, Zerreißen, Bohren, Schleifen bestimmen die Arbeitsweise des Künstlers. Sein technisches Material ist Rigips, Wandfarbe, Bleistift, Spachtelmasse, Papier, Klebstoff. Das Bohren von Löchern ist ein destruktiver Akt. Zugleich bilden Löcher, die als Negativform eine leere Fläche füllen, sowohl ein ästhetisches als auch poetisches Muster aus Punkten. Bei Betrachten der Objekte von Martin Bruno Schmid entsteht ein ambivalentes Gefühl, doch die grobe Handlung des Künstlers entlarvt sich als System einer künstlerischen Reversion. Sein künstlerisches Tun hat einen forschenden Charakter, denn metaphorisch ist das Bohren ein Suchen und Untersuchen. Durch abertausende von Bohrungen mit der Bleistiftspitze befinden sich seine ‚Bohrzeichnungen’ im vagen Zustand des Verfalls. Ergraut, hauchzart und luftig schwebt das zerfledderte Papier über dem weißen Grund, lässt ein Spiel mit Licht und Schatten entstehen und kommt damit dem Himmelssymbol ‚Pi’ (aus der späten Chou-Zeit) sehr nah, denn das Loch in der Mitte der chinesischen Jadescheibe ‚Pi’ evoziert das Hereinscheinen der ‚geistigen’ Welt in das Irdische. Morbid erscheinen auch seine ‚Bohrstücke’. Weiße, mit der Bohrmaschine durchlöcherte Krusten aus Gips, Spachtelmasse und Wandfarbe scheinen abzublättern und lenken den Blick auf die Tektonik des Untergrunds, der eine Art ‚Geofraktur’, eine zerbrechliche Zone zeigt, in der auch die Bleistiftlinien der Koordination nur noch fragmentarisch existieren. Dieser scheinbare Zerfall wird letztendlich wiederum zur Öffnung, den Blick freigibt in den ‚Hintergrund’.

Dr. Otto Rothfuss und Margarete Rebmann,
Katalogtext zur Ausstellung ‚Ice / White’, Kunstverein KISS Untergröningen 2010

Martin Bruno Schmid. Abriss (Ein Abriss)

Bildverletzungen durch Ikonoklasten sind spätestens seit dem byzantinischen Bilderstreit bekannt. Der 1899 geborene Argentinier Lucio Fontana begann 1948 seine Bilder zu perforieren und hat Bildverletzungen zu seinem fast ausschließlichen gestalterischen Prinzip erhoben. Seit 1958 fügte er den Leinwänden scharfe, saubere Schnitte zu. Wenn Martin Bruno Schmid Wandflächen und Rigipsplatten durch Bohrungen bearbeitet und gestaltet, mag er zunächst als einer erscheinen, der in der Tradition der Ikonoklasten und von Fontana steht. Wenn man aber seiner Künstlerlegende folgt, geht der erste Impuls von einem anderen Kontext aus: Nach jeder Ausstellung bleiben in den Ausstellungsräumen Löcher in den Wänden zurück, die mit Gips, Moltofill oder einer anderen Spachtelmasse verfüllt und dann wieder überstrichen werden müssen. „Alles soll wie neu sein für die nächste Ausstellung. Allerdings gelingt das selten gut, weil die Wand benutzt, von der Kunst besetzt wurde. Diese Schönheitsreparaturen, diese Vortäuschungsstrategien beschäftigten Martin Bruno Schmid – und brachten ihn zu den Bohrstücken, die sich dann verselbständigten: Statt in die Wand direkt eingearbeitet zu werden, wanderten sie wieder von der Wand weg auf eine Art Bildträger, der dann auf die Wand als zweite Ebene aufgebracht wird“ (Petra Mostbacher-Dix). Zu den Bohrstücken treten bei Martin Bruno Schmid dann die Bohrzeichnungen, in denen er Papiere mit spitzen Bleistiften bis an den Rand der Auflösung bearbeitet und sie dann in Bildkästen zeigt: Man wagt kaum, vor diese Bildkästen zu treten und hat das Gefühl, dass sich die perforierten Papierfragmente vollends in Staub auflösen könnten. Mir scheint, dass Martin Bruno Schmid mit seinen Bohrzeichnungen eine der späten Modernen angemessene und ästhetisch höchst eindrückliche Form des Memento Mori gefunden hat.

(ham), in: Artheon.
Text anlässlich der Publikation zu den Ausstellungen Martin Bruno Schmid, Bohrstücke, Viennafair 09, Wien und
Martin Bruno Schmid, ABRISS (Ein Abriss) in der Städtischen Galerie Ostfildern
Stuttgart, 2009, 80 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, Hardcover gebunden, Format 28 x 22,4 cm

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